26
Jul
2013

20, 30, 40

Mit Zwanzig habe ich mich sehr, sehr jung gefühlt. Und wohl auch ausgesehen. Ich konnte am Wochenende in keine der damals angesagten Discos, ohne einen Ausweis vorlegen zu müssen. Auf dem Foto in meinem Führerschein sehe ich aus wie gerade mal 16 geworden. Ich habe mich oft geärgert, wenn ich wie ein Kind behandelt worden bin. Ich war unsagbar naiv und dabei dennoch extrem misstrauisch. Ziemlich isoliert in einem sehr schwierigen Elternhaus aufgewachsen, habe ich nicht viel gewusst über die Welt und wie sie funktioniert. Ich habe oft fragen müssen und habe alle Antworten geglaubt. Schmerzhaft habe ich die Bedeutung von Gutgläubigkeit erfasst. Ich habe mich oft freiwillig in die erlernte Isolation zurückgezogen und es später noch einmal versucht. Ich habe nirgendwo dazugehört, vermutlich weil ich sehr oft umgezogen bin, und hatte keine Ort, den ich Heimat genannt hätte.

This is why I always whisper
I'm a river with a spell
I like to hear but not to listen
I like to say but not to tell
(Keren Ann, Not going anywhere)


Mit Dreißig dachte ich mir, dass das nicht mehr jung, aber auch nicht mehr alt sei und fühlte mich den Zwanzigern überlegen: "Diese dummen, jungen, albernen Dinger". Dachte, ich wäre nun klug und erfahren und würde das Leben kennen. Falten hatte ich noch nicht, Wehwehchen auch nicht. Und das Leben lag ja auch noch vor mir. So viel gute Dinge würden noch auf mich warten und alles wäre noch möglich. Ich hatte meinen Hafen gefunden und war zweimal Mutter geworden. Es fehlte zwar oft an Geld, aber nicht an Liebe, Mut und Hoffnung. Was jetzt noch nicht gut, würde noch gut werden. Glaubte ich.

Lazy days calling to you
Come out to play
The future lies with you
Now you can be sure love is the cure
What we're searching for
Is to have a jolly good time
(Robbie Williams, Lazy Days)


Mit Vierzig hatte ich das Gefühl, so langsam auf dem absteigenden Ast zu sitzen. Beim Blick im Spiegel musste ich mich suchen, herrgott, das war doch nicht ich! Müder Blick, müder Geist. Enttäuscht von dem, was gewesen war. Erschöpft von den Kämpfen um Existenz und Wohl der Kinder. Ja, die Kinder.... die haben sich in Kreise begeben, die niemandem gut getan haben. So oft Besuche auf der Polizei, so oft nachts gewartet, gesucht, gesorgt. Immer ging alles glimpflich aus, aber müde war ich. Vom Leben, von der Anstrengung. Das war also das, was das Leben für mich bereitgehalten hat? Diese Plagerei, diese Quälerei war das, was mir zugedacht war? Wieso ich? Wofür werde ich bestraft? Ich kannte den Spruch "was einen nicht umbringt, macht einen nur noch härter" und auch "der Mensch wächst mit seinen Aufgaben", aber ich hatte keine Lust mehr, noch härter zu werden und auch nicht, noch weiter zu wachsen. Ich hatte zu gar nichts mehr Lust und alles wuchs mir über den Kopf. Fortlaufen wollte ich manchmal, mich verstecken, mich in Luft auflösen und sogar ganz, ganz schlimm krank werden, damit ich mich allem entziehen konnte und mir niemand noch etwas auf den Buckel laden konnte. Mein Leben war kein Leben, sondern ein Fiasko und ich mittendrin statt nur nebendran.

For a fortune he'd quit
But it's hard to admit
How it ends and begins
On his face is a map of the world
On his face is a map of the world
From yesterday, it's coming!
From yesterday, the fear!
From yesterday, it calls him
But he doesn't want to read the message here
(30 Seconds To Mars, From Yesterday)


In knapp sechs Wochen werde ich neunundvierzig. Dann beginnt das letzte Jahr mit einer 4 vorne. Einfacher geworden ist nichts. Besser auch nicht. Desillusioniert bin ich, aber trotzdem zufriedener. Ich kann andere nicht ändern, kann nichts ändern, was andere nicht ändern wollen. Was nicht mein Kampf ist, geht mich nichts mehr an. Ich kann mir die Finger in die Ohren stecken, wenn ich nichts hören will und mich umdrehen und weggehen, wenn ich nichts sehen will. Ich bin da, wenn mein Eingreifen Sinn macht, und ich höre zu, wenn man tatsächlich etwas zu sagen hat. Aber ich lasse mich nicht mehr auf- und zerreiben zwischen Mühlsteinen, die sich jemand ersonnen hat, nur um Müller zu sein. Ich habe hier und da Wehwehchen, Rücken, Knie und so weiter. Damit kann ich leben, es ist mal gut, mal weniger gut, aber auszuhalten. Ich freue mich über jede ruhige Minute, jede entspannte Stunde. Ich habe nichts am Hut mit Selbstfindung, eigene Grenzen spüren, Adrenalin durch den Körper jagen, davon hatte ich nämlich eindeutig schon genug. Ich bin dankbar für Kleinigkeiten und freue mich an Kleinigkeiten. Nur eines würde ich gerne noch kennenlernen: wie es ist, Langeweile zu haben.

So long to the end and stormy weather
It's time for a cleansing
Nice try, but you can't avoid this forever
You know it makes you feel good
(Dredg, Hungover on a tuesday)


Schneckchen
qhenna

Beiseite

joke

Mit Geduld...

... kommst du übers Meer, mit Bosheit nicht über den Bach. (rumänisches Sprichwort)

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